"Der Karmel lehrt die Kirche das Beten". - Papst Franziskus

Diese Beitrag wurde ursprünglich veröffentlicht auf diese Seite.


Dies ist die vierte von elf Betrachtungen über Thomas Mertons Lehre von der Dynamik zwischen wahrem und falschem Selbst. Diese konfliktreiche, aber erhellende Beziehung durchdringt Mertons umfangreiches Werk über das geistliche Leben. Der grundlegende Punkt des Konflikts ist die Anziehungskraft, die der Einzelne auf Gott, seine wahre und endgültige Bestimmung, ausübt. Mertons Aufdeckung der Folgen der Erbsünde ist unbarmherzig in ihrer Intensität. Dies ist die Aufgabe des Falschen Selbst. Gleichzeitig ist die Anziehungskraft des Wahren Selbst, der allgegenwärtige Ruf der persönlichen und leidenschaftlichen Liebe Gottes, noch stärker. Das menschliche Herz ist das Schlachtfeld dieser scheinbar endlosen Konfrontation.

Erster Teil

Auf ihrem spirituellen Weg machen die meisten Menschen zahlreiche Bekehrungserfahrungen. Diese geistlichen Erfahrungen sind von unterschiedlicher Intensität und Tiefe. Eine der Komponenten dieses Bekehrungsprozesses ist ein überraschend neues Bewusstsein dafür, wie blind man für die Forderungen der Botschaft des Evangeliums gewesen war.

Ich glaube, viele können nachempfinden, wie ich im Laufe meines Lebens mit dem scheinbar endlosen Aufruf des Evangeliums zur Inklusion konfrontiert wurde. Als ich aufwuchs, hielt ich es für ein Sakrileg, dass Mädchen Sport treiben durften. Ebenso hatten die “Farbigen” ihre eigene, wirklich gottgegebene Nachbarschaft. Homosexuelle und Lesben existierten praktisch nicht.

Es war eine turbulente Reise für mich, mich von den sexistischen, rassistischen und homophoben Einstellungen zu lösen, die die Dominanz meines falschen Ichs unterstützten. Zweifellos habe ich noch einen langen Weg vor mir, was diese großen Täuschungen in unserer Gesellschaft angeht.

Bei jedem dieser tiefen Vorurteile gab es Phasen der Bekehrung, die schließlich zu einer augenöffnenden Reflexion führten. Dabei wurde deutlich, wie tief die Abweichung von der Botschaft des Evangeliums war, die in meinem Herzen herrschte. Dies ist ein deutliches Beispiel für Mertons Lehre über den Weg zur Erleuchtung und Bekehrung, wenn wir uns teilweise vom Falschen Selbst zum Wahren Selbst entfernen. Es ist ein langer, schwieriger Weg. Und doch gibt es viele kleine und sogar große Siege auf dem Weg. Wenn wir dem Kampf, mit Jesus zu gehen, treu bleiben, lässt uns Gottes Gnade nie im Stich. Der Prozess in diesem Leben ist immer begrenzt und unvollendet und ruft nach mehr. Dennoch bewegen wir uns in die richtige Richtung, solange wir nicht in Apathie und Nachlässigkeit verfallen.

Der Weg nach Jerusalem

Im Markusevangelium haben wir ein wirklich herausforderndes Beispiel für diesen Kampf zwischen Dunkelheit und Licht in der Dynamik von falschem und wahrem Selbst. In seinem gesamten Evangelium zeichnet Markus ein besonders hartes Bild von den Aposteln. Sie werden als eine Gruppe dargestellt, die die Botschaft einfach nicht verstanden hat.

Dieser Ansatz bei Markus ist Teil seiner aufschlussreichen Lektion über die Komplexität und die Tiefe, die eine echte Treue zu Jesus erfordert.

In dem Abschnitt des Evangeliums (Mk 8,22-10,52), der oft als “Der Weg nach Jerusalem” bezeichnet wird, macht Jesus drei Vorhersagen über die Passion, den Tod und die Auferstehung. In jedem dieser drei Abschnitte gibt es eine gemeinsame Struktur.

  • Jesus macht die Vorhersage. Die Apostel verstehen nicht und akzeptieren die schreckliche Möglichkeit nicht.
  • In der Tat gehen sie in die entgegengesetzte Richtung der Aussage Jesu. Seine Botschaft verkündet einen leidenden Messias. Dies stand im völligen Gegensatz zu den Hoffnungen und Ambitionen der Apostel. Sie erwarteten eine Zukunft mit Macht, Ansehen und Reichtum.
  • Schließlich gibt Jesus eine kurze, klare Lehre über die Anforderungen der Bekehrung zur Botschaft des Evangeliums.

Diese Auswahl des Markus-Textes beginnt und endet mit der Heilung eines Blinden. In den drei Abschnitten des Evangeliums zeigt sich die Blindheit der Apostel darin, dass Petrus zu Jesus sagt, er müsse nicht leiden (Mk 8,32), dass die Apostel darüber streiten, wer der Größte sei (Mk 9,34), und dass Jakobus und Johannes schließlich um das Vorrecht bitten, in den kommenden Tagen der Herrlichkeit zu seiner Rechten und Linken sitzen zu dürfen (10,35).

Dies sind alles Beispiele für die Macht und den Einfluss des falschen Selbst. Es waren gute Menschen, die sich Jesus zutiefst verpflichtet fühlten. In ihrer Vorstellung hatten sie alles verlassen, um Jesus zu folgen. Jeden Tag hörten sie sich seine Lehren an. Sie wurden Zeugen seiner Heilungen. Sie teilten die Vermehrung der Brote und Fische. Sie sahen Jesus auf dem Wasser gehen. Sie erlebten die überwältigende Begeisterung der Menschenmenge. Es fällt uns schwer, die Intensität und Unmittelbarkeit ihrer Erfahrungen mit Jesus zu überschätzen. Und doch hatten sie eine Vision, die in hartem Konflikt mit der von Jesus stand. Das wurde nie deutlicher als in der totalen Verlassenheit im Garten an jenem ersten Karfreitag.

Markus macht uns als Lesern seines Evangeliums deutlich, dass die wahre Treue zu Jesus wirklich anspruchsvoll ist. Sie erfordert viele weitere Erfahrungen der Erleuchtung, auch nachdem wir das Versprechen gegeben haben, Jesus zu folgen. Es gibt immer mehr. Die blendende Macht des Falschen Selbst ist akut und dominant. Die Forderungen des Wahren Selbst bestehen darauf, dass wir uns die Lehre Jesu zu Herzen nehmen. Hier sind einige Auszüge aus diesem Teil des Markusevangeliums.

  • “Wer mir nachfolgen will, muss sich selbst verleugnen, sein Kreuz auf sich nehmen und mir nachfolgen.” (Mk 8,34)
  • Wer der Erste sein will, der soll der Letzte von allen und der Diener aller sein.” (Mk 9,35)
  • “Denn der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele zu geben.” (Mk 10,43-45)